Der Pestbote - Druckausgabe

Sturmglanz Produktionen

Sturmglanz Produktionen ist ein Teil der Sturmglanz Black Metal Manufaktur und hat sich darauf spezialisiert Black Metal zu veröffentlichen. Neben Tapes, Vinyl oder CD in regulären sowie limitierten Auflagen werden auch Shirts und Zipper realisiert. Alle Veröffentlichung findet ihr hier in unserem Sturmglanz Black Metal Store.  [ zu Sturmglanz Produktionen ]

Der Pestbote - Druckausgabe

Der Pestbote - Druckausgabe

Schon lange laufen die Vorstellungen und Planungen für ein gedrucktes Black Metal Magazin als Ableger des Sturmglanz Webzin`s. Nun ist bereits die dritte Ausgabe des Magazin`s erschienen und die weiteren Planungen für die vierte Ausgabe, welche gleichzeitig die 10 - Jahre - Sturmglanz Jubiläumsausgabe werden soll, laufen bereits auf vollen Touren. [ weiter lesen ]

 

Sturmglanz Veröffentlichung

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Black Metal zwischen Gegenwart und Vergangenheit

 

Arcana publicata vilescunt, oder: Der Weg in eine andere Welt

 

Vor langer Zeit hat mich ein Kollege gefragt, wofür es sich zu leben lohnt. Diese Frage verfolgt mich seither in ihrer drängenden Alltäglichkeit. Es gibt keine Antwort darauf. Aber ich weiss, wofür ich nicht leben will: Ich will nicht täglich mit neuen Regeln gefesselt werden; ich will nicht in Ecken gedrängt und in Kammern gesperrt werden. Ich will nicht gesagt bekommen, wie ich zu sein habe, weder von den Medien, noch von irgendwelchen Besserwissern. Ich will nicht nach Erfolg streben. Aus diesem Grund habe ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum sogenannten Metal: Metal sei Individualität und Freiheit, dennoch herrschen Tausende von spätkapitalistisch-hedonistischen und moralischen Regeln. Es gibt nur wenige Metal-Veranstaltungen, die sich diesem engen Regelkorsett entziehen können. Einer seit drei Jahren regelmässig stattfindenden Veranstaltung irgendwo in der – eigentlich viel zu lieblichen – Nordwestschweiz gelingt dies. Dabei scheint es eher Zufall zu sein, dass dieser Event in diese Richtung geht. Die Veranstalter haben meines Erachtens selbst noch gar nicht richtig begriffen, was für ein subversives und künstlerisches Potential diese Veranstaltung in sich trägt. Aber sie ist in der Schweiz einer der wenigen Events, die den toten Black Metal (und nein, damit meine ich nicht die Musik) für ein kurzes Aufflackern wiederbeleben können. Dieses Jahr spielen in der dort thronenden mittelalterlichen Ruine drei Musikgruppen. Wir klettern quer durchs Unterholz den Hügel hinauf, folgen für die Richtung unserer Intuition und etwas Logik. Der breite Waldpfad, den es auch gibt, ist zu banal für die Emotionen, die wir anstreben. Wer sich im Taxi hochfahren lässt, hat die Veranstaltung nicht verstanden. Oben begegnen uns eine Handvoll Leute, die wir mehrheitlich ignorieren. Langsam geht die Sonne unter und verzaubert uns mit einem Anblick über das flache Land unter dem Hügel.

 

 

 

 

 

Was ich an dieser Veranstaltung schätze, ist die totale Reduktion auf das, was wichtig ist, nämlich das Spielen. Sämtliche Marktmechanismen werden ausgehebelt: Es gibt keinen Eintritt, keinen Getränkeverkauf, kein Merchandise. Man muss mit niemandem reden, wenn man nicht will; man kann sich aber auch zu den Leuten gesellen, die man mehrheitlich sowieso kennt. Die technische Ausstattung ist ebenfalls auf das Minimale reduziert, was in diesem Kontext den Geist des Metal, wie ich es nennen will, erweckt. Hier spielt man nicht, weil es Ruhm und Erfolg verspricht, sondern weil man hier spielen will. Das merkt man bei allen drei Musikgruppen.

 

Als erste Band spielen Pechstein. Sie erwecken Black Metal der alten Schule und reflektieren die mittelalterlichen Mauern um sich herum in bodenständiger Emotionslosigkeit. Pechstein gelingt es,  Teil des Kontextes zu werden. Ein mächtiges Monument, das Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Mir gefällt es, auch weil die Gruppe die Regeln der Perfektion absichtlich bricht, was zu dem oben Geschriebenen passt.

 

 

 

 

 

Die zweite Gruppe ist Burkhartsvinter, die sich der rohen „finnisch geprägten Schule“ verschrieben haben, wie mein Kollege es treffen ausdrückt, was durch das Satanic Warmaster Cover „Black Metal Kommando“ zusätzlich hervorgehoben wird. Auch hier unterstreicht das minimalistische Equipement die Musik positiv. Sie wird auf das Wesentliche (und damit meine ich nicht die Basis, sondern den Kern) reduziert und packt einen mitten im Herz.

 

Am faszinierendsten ist aber die dritte Band. Der Name des Projektes, Grusig (hochdeutsch so etwas wie „eklig“), passt nicht zu ihrer Performanz, denn eklig ist nichts davon, nicht mal die intelligenten Texte. Was die beiden Musiker mit den klangvollen Pseudonymen Grüsu (akustische Gitarre und Gesang) und Gruäbähung (alles andere) präsentieren, ist stimmungsvoll, packend, einnehmend. Ich lasse mich von ihrer Mischung aus musikalischem Können und alles fesselndem Charisma mitreissen. Grusig schaffen es Gegensätze zu verbinden: das Schöne mit dem Subversiven, die aneckenden Texte mit den melodischen Tönen, das Ernste mit dem (Selbst-)Ironischen. Jemand neben mir flüstert, dass das die Musik sei, auf die die Schweiz gewartet habe. Ein anderer bezeichnet es treffend als Mischung aus dem Berner Troubadour Mani Matter und der Band Chotzä. Dennoch sind solche Vergleiche gar nicht nötig. Grusig überzeugen, weil dieses Projekt etwas Innovatives schafft und weil es die oft zu eng gestreckten Grenzen von Genres (und damit wieder die oben genannten Regeln) durchbricht. Davon braucht es dringend mehr, und ich bin gespannt auf ihr angekündigtes Album mit dem Titel „Dr Ahfang vor Misäärä“.

 

 

 

 

 

Wenn ich ein Fazit über diese Veranstaltung ziehen müsste, würde ich schreiben, dass sie genau das widerspiegelt, was ich unter Metal verstehe: die Suche nach einem „Mehr“ oder einem „Anders“ in einer überregulierten Welt, das Reflektieren über selbst auferlegte Fesseln und die Unzulänglichkeiten des heutigen Seins, das emotionale und kognitive Eintauchen in etwas, das nie ganz erfahrbar und kontrollierbar sein wird, das Öffnen für andere Fragen, andere Werte, andere Dimensionen. Aber ich muss zum Glück kein Fazit ziehen, denn der Event spricht für sich selbst.

 

 

 

 

 

Bericht: Urs Marugg, August 2018 I Photos: eisa.ch